Kleiner Obstsortenlehrpfad am Münzinghof

Eckehard Kolder

„Die Baumzucht verschafft denjenigen, die sich damit bemühen, einen angenehmen Teil der Nahrung. Sie gereicht zur Zierde eines Landes, zur Reinigung der Luft, zum Schutz und Schatten für Mensch und Vieh, und hat überhaupt in vielen anderen Dingen ihren trefflichen Nutzen.“

 

So drückte das Johann Kaspar Schiller, der Vater unseres Dichterfürsten Friedrich Schiller 1776 aus. Als Leiter der herzoglichen Hofgärten und Forstbaumschulen des Landes Württemberg hatte er sich auch um den Obstbau sehr verdient gemacht. Heute spielt der Anbau von Obstbäumen keine nennenswerte Rolle mehr, wenn es um die Sicherung unserer Ernährungsgrundlage geht. Die Einkaufsmärkte und Marktstände bieten uns frisches Tafelobst über das ganze Jahr hinweg. Die Versorgungslage ist in der Regel ausgezeichnet und der Anteil unserer Löhne und Gehälter, den wir für unsere Ernährung aufwenden müssen, ist im Vergleich zu den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts stark gesunken. Von daher besteht heute keine wirtschaftliche Notwendigkeit mehr eigenes Obst anzubauen und zu verarbeiten.

Das merkt man auch, wenn man durch das Hersbrucker Land fährt. Alte Obstwiesen kann man schon noch hier und da finden, sicher mehr als in anderen Gegenden Bayerns. Meist sind sie aber bestanden mit Altbäumen, die sich teils auch schon sichtbar ihrem biologischen Ende nähern.

1965 lag der Streuobstbestand in Bayern bei ca. 20 Mio. Bäumen. Heute sind es geschätzt noch ganze 6 Mio. Dieser starke Rückgang hat natürlich viele Gründe.

Erwerbsobstbau wurde ab den 60er-Jahren fast vollständig auf Niederstamm-Plantagen-Wirtschaft umgestellt, die Ausweisung von Neubaugebieten hatte die Rodung von Obstbaumwiesen am Rande der Dörfer zur Folge, der Ausbau der Verkehrs-Infrastruktur tat ein Übriges. In den 60er- und 70er Jahren gab es sogar Prämienzahlungen für die Rodung von Streuobstbeständen.

Heute blicken wir ganz anders auf diese selten gewordenen Landschaftselemente. Der Freistaat Bayern hat 2021 einen "Streuobstpakt" geschlossen und 600 Mio. Euro bereitgestellt mit dem Ziel bis 2035 eine Million neuer Obstbäume zu pflanzen. Der hohe ökologische und landschaftsgestaltende Wert von Streuobstflächen ist heute allgemein bekannt und geschätzt.

So bilden Streuobstwiesen einen eigenen, sehr vielfältigen und artenreichen Lebensraum im Übergang vom Wald zur offenen Landschaft. Bis zu 1000 Insektenarten werden diesem Lebensraum zugeordnet. Auch viele Vogelarten, Nager, Fledermäuse und andere Kleintiere finden hier Bedingungen vor, die für sie ideal sind.

Darüber hinaus hatte die jahrhundertelange Beschäftigung mit dem Obstanbau eine unglaubliche Fülle an verschiedenen Sorten entstehen lassen, besonders bei Äpfeln und Birnen. Viele dieser alten, vielfach lokalen Sorten lassen sich heute nicht mehr finden. Mittlerweile haben viele Menschen aber den Wert dieser einzigartigen Vielfalt erkannt und versuchen durch gezielten Anbau alter Streuobstsorten, diesen Reichtum zumindest in einem begrenzten Rahmen für die nächsten Generationen zu retten. Die Streuobstinitiative Hersbrucker Alb e.V. ist in diesem Zusammenhang ein leuchtendes Beispiel (www.streuobstinitiative-hersbruck.de).

Jedes Jahr finden über den Verein Obstschnitt- und Pflegekurse statt, die sich großer Beliebtheit erfreuen. In einem speziellen Projekt des Vereins wurden 2012 über 1800 Obstbäume in der Hersbrucker Alb bestimmt und kartiert und bis 2019 konnten 1000 neue Obstbäume gepflanzt werden (www.1000obstbaeume.de). Dies ist vor allem dem unermüdlichen Engagement von Ottmar Fischer, dem ehemaligen ersten Vorsitzenden des Vereins zu verdanken.

Der Obstsortenlehrpfad am Münzinghof lädt zu einem Spaziergang ein (Fotos: Eckehard Kolder)



Auch ich habe vor ca. 10 Jahren meine Liebe für die Obstbäume entdeckt und widme mich seitdem mit Leidenschaft diesem Thema. In dieser Zeit ist von Kollegen und mir eine Obstbaumreihe entlang eines Feldweges angelegt worden. Sie umfasst eine Zahl von 25 Hochstämmen, fast ausschließlich alte Sorten, Äpfel, Birnen, sowie ein paar Kirschbäume. Dieses Jahr haben nun alle Bäume eine Schautafel mit Abbildung der Früchte und einer Sortenbeschreibung bekommen. Ein kleiner Sortenlehrpfad ist so entstanden, der interessierten Wanderern und Spaziergängern die Möglichkeit gibt, etwas über den Geschmack, die Lager- und Verwendungseigenschaften und die Herkunft dieser alten Kultursorten zu erfahren.

Ich schneide diese Bäume nach dem sogenannten Oeschberg-Schnitt, der vor ca. 100 Jahren auf dem Stiftungsgut in Oeschberg, im Berner Oberland entwickelt wurde mit dem Ziel, den Hochstammanbau (damals gab es nichts anderes) unter den Gesichtspunkten der Wirtschaftlichkeit und einer naturgemäßen Schnittechnik weiterzuentwickeln. Dieser Schnitt dient dem Erhalt der Baumvitalität, der Erhöhung der Fruchtqualität, sowie einer leichteren Beerntbarkeit der Bäume. Etwas davon sollte man auch jetzt schon erkennen können, wenn man sich, aus dem Kipfental kommend, entlang des gewundenen und von den jungen Obstbäumen bestandenen Feldweges dem Münzinghof nähert.

Schautafeln vermitteln Wissenswertes zu den einzelnen Bäumen